Ein Abschluss ist noch kein Berufsplan: Warum berufliche Orientierung oft erst danach beginnt


Quelle: unsplash.com, Icons8 Team

Jahrelang ist der nächste Schritt ziemlich klar. Nach der Grundschule folgt die weiterführende Schule, nach dem Schulabschluss vielleicht eine Ausbildung oder ein Studium. Semester werden geplant, Prüfungen geschrieben, Scheine gesammelt. Irgendwann liegt das Abschlusszeugnis auf dem Tisch.
Und dann?

Ausgerechnet an diesem Punkt, an dem eigentlich alles geschafft sein sollte, beginnt für viele eine Phase, auf die Schule und Studium nur bedingt vorbereiten: die Frage, was man mit dem eigenen Wissen und den eigenen Fähigkeiten beruflich tatsächlich anfangen möchte.

Denn ein Abschluss bestätigt zunächst einmal eine Qualifikation. Einen fertigen Berufsplan liefert er nicht automatisch mit.


Der gerade Lebenslauf ist eher Idealbild als Normalfall

Die klassische Vorstellung klingt einfach: Schule, Ausbildung oder Studium, erster Arbeitsplatz und anschließend eine möglichst kontinuierliche Karriere im gewählten Beruf. In der Realität verlaufen Lebensläufe häufig anders. Ein Studienfach, das mit 19 interessant erschien, muss mit 25 nicht mehr zum eigenen Leben passen. Eine Ausbildung kann sich fachlich als richtig erweisen, während die Arbeitsbedingungen der Branche nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen. Andere entdecken erst durch Nebenjobs, Praktika oder ihre erste feste Stelle Tätigkeiten, an die sie während ihrer Ausbildung überhaupt nicht gedacht hatten. Das ist nicht zwangsläufig ein Zeichen dafür, dass zuvor eine falsche Entscheidung getroffen wurde. Viele Dinge lassen sich schlicht erst beurteilen, wenn man sie erlebt hat. Zwischen einer Studienbeschreibung und dem tatsächlichen Arbeitsalltag liegen schließlich Welten.



Was kann ich eigentlich – außerhalb meines Abschlusses?

Wer nach Schule, Ausbildung oder Studium nach einer beruflichen Richtung sucht, schaut häufig zuerst auf Berufsbezeichnungen. Ein Absolvent der Betriebswirtschaft sucht kaufmännische Stellen. Eine Person mit Sprachstudium schaut nach Berufen mit Sprachen. Wer eine technische Ausbildung absolviert hat, sucht innerhalb dieses technischen Bereichs.
Das ist nachvollziehbar, kann den Blick aber unnötig einschränken. Interessanter ist zunächst eine andere Frage:

Welche Fähigkeiten habe ich während meiner bisherigen Laufbahn tatsächlich entwickelt?

Wer beispielsweise mehrere Jahre studiert hat, bringt möglicherweise weit mehr mit als das Fachwissen des Studiengangs. Dazu können gehören:

  • komplexe Informationen recherchieren und strukturieren
  • längere Projekte selbstständig organisieren
  • Ergebnisse präsentieren
  • wissenschaftliche oder technische Texte verstehen
  • mit digitalen Werkzeugen arbeiten
  • Termine und Fristen koordinieren
  • Probleme eigenständig lösen
  • im Team arbeiten
  • unter Zeitdruck Ergebnisse liefern

Auch Nebenjobs, ehrenamtliche Tätigkeiten, Praktika oder private Projekte können Fähigkeiten sichtbar machen, die auf keinem Abschlusszeugnis stehen.
Für eine berufliche Neuorientierung kann genau diese Betrachtung entscheidend sein.




Nicht vom Berufstitel ausgehen, sondern vom Arbeitsalltag

Bei der Berufswahl wird häufig über Berufsbezeichnungen gesprochen. Dabei sagt die Bezeichnung allein erstaunlich wenig darüber aus, ob eine Tätigkeit zu einem Menschen passt. Zwei Stellen mit demselben Titel können vollkommen unterschiedlich aussehen. Deshalb lohnt es sich, konkreter zu werden: Möchte ich viel mit Menschen arbeiten oder lieber konzentriert an eigenen Aufgaben? Brauche ich feste Strukturen oder möchte ich möglichst selbstständig entscheiden?

Arbeite ich gern am Computer? Möchte ich unterwegs sein? Ist mir ein geregelter Feierabend wichtig? Kann ich mir Schichtarbeit vorstellen? Möchte ich Verantwortung für andere übernehmen?

Solche Fragen wirken zunächst weniger bedeutend als die Wahl eines bestimmten Berufes. Für die spätere Zufriedenheit können sie jedoch wesentlich wichtiger sein.
Wer weiß, wie er arbeiten möchte, kann anschließend viel gezielter nach Berufen suchen, die zu diesen Vorstellungen passen.


Ein Umweg kann beruflich ziemlich wertvoll sein

Ein abgebrochenes Studium, ein Berufswechsel oder eine längere Phase der Neuorientierung werden im Lebenslauf häufig als Problem wahrgenommen.
Dabei kommt es stark darauf an, was anschließend daraus gemacht wird.
Drei Semester Maschinenbau verschwinden beispielsweise nicht, nur weil später ein anderer Studiengang gewählt wird. Kenntnisse in Mathematik, Konstruktion oder technischem Denken bleiben erhalten. Dasselbe gilt für eine Ausbildung, nach der ein Studium aufgenommen wird, oder für Berufserfahrung in einer Branche, die man später verlässt. Berufliche Erfahrung funktioniert nicht wie ein Spielstand, der beim Wechsel auf null zurückgesetzt wird.

Oft entsteht gerade durch die Kombination unterschiedlicher Erfahrungen ein interessantes Profil. Ein technischer Hintergrund verbunden mit kaufmännischem Wissen kann beispielsweise für Projektmanagement interessant sein. Sprachkenntnisse zusammen mit Vertriebserfahrung können im internationalen Kundenmanagement gefragt sein.
Die entscheidende Aufgabe besteht darin, die Verbindung zwischen diesen Erfahrungen zu erkennen und verständlich darstellen zu können.


Stellenanzeigen können bei der Orientierung helfen

Stellenportale werden meistens erst geöffnet, wenn jemand bereits weiß, welchen Job er sucht. Man kann sie aber auch anders nutzen.
Wer noch unsicher ist, kann zehn oder zwanzig interessante Stellenanzeigen sammeln, ohne sich sofort zu bewerben.

Danach lohnt sich ein Vergleich:

Welche Aufgaben tauchen immer wieder auf? Welche davon machen neugierig? Welche Anforderungen erfüllt man bereits? Welche Kenntnisse fehlen noch? Und welche Tätigkeiten möchte man definitiv nicht machen?

Damit wird aus einer abstrakten Frage wie „Welcher Beruf passt zu mir?“ eine wesentlich konkretere Untersuchung des Arbeitsmarktes. Manchmal zeigt sich dabei auch, dass für den gewünschten nächsten Schritt gar kein neues Studium notwendig ist. Vielleicht fehlt lediglich eine bestimmte Softwarekenntnis, eine fachliche Qualifikation oder praktische Erfahrung.



Weiterbildung sollte ein Ziel haben

Gerade bei beruflicher Unsicherheit entsteht schnell der Gedanke, zunächst noch eine Weiterbildung zu machen. Das kann sinnvoll sein – aber nicht jede zusätzliche Qualifikation verbessert automatisch die beruflichen Chancen.Vor einer Weiterbildung sollte deshalb möglichst klar sein, welches Problem sie lösen soll.

Fehlt eine konkrete Kompetenz, die regelmäßig in passenden Stellenanzeigen verlangt wird? Gibt es eine formale Voraussetzung für den gewünschten Beruf? Ermöglicht die Weiterbildung den Zugang zu einem neuen Tätigkeitsfeld? Wenn sich keine dieser Fragen beantworten lässt, sollte man zumindest prüfen, ob die Weiterbildung tatsächlich der nächste sinnvolle Schritt ist. Manchmal fehlt nämlich weniger Wissen als Orientierung.

Wenn man allein nicht weiterkommt

Berufliche Entscheidungen müssen nicht immer allein getroffen werden. Gerade wenn mehrere Möglichkeiten gleichzeitig realistisch erscheinen oder der eigene Lebenslauf schwer einzuordnen ist, kann ein Blick von außen hilfreich sein. Dabei geht es nicht darum, dass jemand anderes entscheidet, welcher Beruf der richtige ist. Sinnvoll ist Unterstützung dann, wenn sie dabei hilft, Erfahrungen zu sortieren, Fähigkeiten greifbar zu machen und daraus konkrete nächste Schritte abzuleiten. Genau an dieser Stelle setzen Angebote zur beruflichen Orientierung und zum Jobcoaching bei Horizonia an – sowohl in Hamburg als auch in Berlin. Dort geht es unter anderem darum, die bisherige berufliche Situation zu analysieren, realistische Ziele zu entwickeln und den Weg in Richtung Arbeitsmarkt zu strukturieren.

Für Arbeitssuchende kann unter bestimmten Voraussetzungen auch ein gefördertes Jobcoaching mit AVGS infrage kommen.


Ein kleiner Test für die eigene berufliche Richtung

Wer momentan vor dieser Entscheidung steht, kann zunächst versuchen, fünf Sätze zu vervollständigen:

1. Tätigkeiten, die mir bisher besonders leichtgefallen sind:
Hier sollten nicht nur Schul- oder Studienfächer stehen, sondern konkrete Tätigkeiten.

2. Aufgaben, bei denen ich häufig positives Feedback bekomme:
Andere Menschen erkennen Stärken manchmal früher als man selbst.

3. Dinge, die ich in meinem Arbeitsalltag möglichst vermeiden möchte:
Auch Ausschlusskriterien helfen bei der Orientierung.

4. Fähigkeiten, die ich bereits habe und künftig häufiger einsetzen möchte:
Hier können fachliche und persönliche Fähigkeiten genannt werden.

5. Drei Berufe oder Tätigkeitsfelder, die ich interessant finde, obwohl sie vielleicht nicht direkt zu meinem Abschluss passen:

Gerade der letzte Punkt kann neue Möglichkeiten sichtbar machen. Danach lohnt sich die Recherche: Welche Stellen gibt es tatsächlich? Welche Anforderungen werden gestellt? Welche davon erfüllt man bereits? So entsteht nach und nach ein realistisches Bild.


Berufliche Orientierung endet nicht mit der Schul- oder Studienwahl

Bei Berufsorientierung denken viele zuerst an Jugendliche, die kurz vor ihrem Schulabschluss stehen. Tatsächlich taucht die Frage nach der beruflichen Richtung im Leben immer wieder auf. Nach dem Studium. Nach den ersten Berufsjahren. Nach einer Familienphase. Nach einer Kündigung. Oder einfach dann, wenn man feststellt, dass die bisherige Tätigkeit nicht mehr passt. Der entscheidende Punkt ist deshalb nicht, möglichst früh einen Beruf zu finden, den man anschließend bis zur Rente ausübt. Wichtiger ist die Fähigkeit, die eigene Situation immer wieder realistisch einzuschätzen: Was kann ich? Was möchte ich? Welche Möglichkeiten bietet der Arbeitsmarkt? Und was fehlt mir noch, um den nächsten Schritt zu gehen? Ein Abschluss kann dafür eine wichtige Grundlage sein. Die eigentliche berufliche Richtung entsteht aber häufig erst danach.




Hinweis:
Dies ist ein Beitrag der Gastautorin Stefanie (AVGS-Coach & Bewerbungstrainerin), geschrieben für das Schul- und Studienportal. Für den Inhalt des Artikels ist ausschließlich die Autorin verantwortlich.
Ein herzliches Dankeschön an die Gastautorin für den informativen redaktionellen Beitrag.


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